Sehen und gesehen werden

Geschrieben von Martin Glückert.

Schulbustraining für Fünftklässler an der Realschule


„Wenn du den Busfahrer sehen kannst, dann kann auch er dich sehen.“ Diesen elementaren Satz prägten sich alle 5. Klässler während ihres Sicherheitstrainings mit der Polizei Marktheidenfeld gut ein. Polizeioberkommissar Helmut Freudenberger veranschaulichte mit vielen Beispielen aus seiner langjährigen Erfahrung, was diese einfache Weisheit für die Schüler bedeutet. Das Problem besteht besonders dann, wenn sich jemand unmittelbar vor einem Bus aufhält oder die Fahrbahn überqueren möchte. Ohne Sichtkontakt mit dem Fahrer aufzunehmen, läuft er dann Gefahr, angefahren zu werden. Genauso verhält es sich, wenn man sich im toten Winkel des Busses befindet. Um diesen Bereich anschaulich darzustellen, grenzten zwei Schüler unter Anleitung Freudenbergers mit zwei Absperrbändern den Raum ab, in dem der Busfahrer niemanden mehr wahrnehmen kann.

Schnell fanden die Schüler heraus, dass in der gefährlichen Zone nicht nur sie, sondern sogar eine zweite Schulklasse Platz findet. Deswegen ist es so wichtig den Busfahrer zu sehen, um selbst als Fußgänger wahrgenommen zu werden. Unterstützt wurde Freudenberger von Polizeihauptkommissarin Barbara Streng und Busfahrer Peter Jung von der Firma Wandervogel. Der Polizeioberkommissar lernt die Kollegin Streng gerade ein, da sie bald selbst das Sicherheitstraining im Landkreis leiten wird. Beide Polizeibeamte legten während ihrer Unterrichtsstunde großen Wert darauf, die möglichen Gefahren und Maßnahmen nicht nur theoretisch, sondern anschaulich und selbsttätig anzusprechen. So mussten die Kinder sich im Bus selbst auf die Suche nach Sicherheitssystemen machen. Sie mussten vor und neben dem Bus stehen und nach dem Fahrer Ausschau halten. Es galt den Dachausstieg, den Nothammer zum Einschlagen der Scheiben, den Feuerlöscher, den Erste Hilfe-Kasten und den Nothahn für die Türen zu entdecken. Gerade das Öffnen der Türen durch Drehen der Notverriegelung und das Dagegenstemmen kosten etwas Kraft und Überwindung, da dies ja sonst im Bus nie eine Rolle spielt.
Freudenberger vermittelte mittels einer sehr anschaulichen Körpersprache, was es bedeutet, seinen Schulranzen nicht abzulegen. Schüler können mit dieser zusätzlichen Masse auf dem Rücken schwere Verletzungen davontragen. Deswegen gilt es den Ranzen zwischen den Füßen auf dem Boden abzulegen und sich gut festzuhalten. Besonders fatal ist es, wenn ein Schüler mit beiden Händen sich mit seinem Handy beschäftigt. Denn eine Vollbremsung ist im Straßenverkehr immer möglich. Gute Plätze sind immer die, bei denen man gegen die Fahrtrichtung schaut, denn diese drücken den Fahrgast beim Bremsen in den Sitz. Der mittlere Sitzplatz in der letzten Reihe ist dagegen als „Schleudersitz“ der gefährlichste. Busfahrer Peter Jung demonstrierte dies eindringlich, als er mit etwa 20 km/h eine Vollbremsung einlegte. Eine Plastiktonne, die sich als „Dummy“ auf dem mittleren Sitz befand, wurde bis in die Mitte des Busses geschleudert und erst durch die Haltestangen im Innenraum aufgehalten.
Freudenberger und Streng veranschaulichten auch gut, dass sowohl Heck wie auch die Front des Busses beim An- und Abfahren bis zu einem Meter über den Fahrbahnrand ausscheren können. Wer sich zu nah im Bereich der Bustür aufhält, kann leicht von ihr erfasst und weggeschoben bzw. eingequetscht werden. Gerade ältere Schülerinnen und Schüler sollten ihre körperliche Überlegenheit nicht dazu gebrauchen, andere wegzuschubsen oder zu drängeln, um einen möglichst guten Sitzplan zu bekommen. Denn so entsteht schnell ein Domino-Effekt, bei dem ein Schüler auf die Fahrbahn oder in die Nähe des Radkastens gerät. Gerade jetzt ist es doppelt wichtig, den nötigen Abstand zu wahren und sich geordnet vor der weißen Haltelinie aufzustellen. Polizeioberkommissar Freudenberger regte die Fünftklässler auch an, sich ein Drängeln und Schubsen von den anderen, meist älteren Schülern nicht gefallen zu lassen. Wer hier massiv störend auffällt, darf für vier Wochen von der Busbeförderung ausgeschlossen werden. Als „Hausaufgabe“ sollte sich jeder Schüler bei der nächsten Busfahrt vergewissern, wo sich in seinem Bus die Sicherheitssysteme wie Feuerlöscher, Nothammer, Notausstiege im Dach und der Nothahn befinden. Denn im Notfall bleibt nicht viel Zeit, das richtige zu tun. Eine weitere kleine Hausaufgabe bestand darin, den Busfahrer bei der nächsten Fahrt freundlich zu grüßen. Nur so geben die Fahrer diese Freundlichkeit zurück und erhalten etwas Respekt dafür, dass sie die Kinder tagtäglich sicher befördern.